Was Sie über Transsexualität wissen sollten…

Transsexualität, Transidentität, transgender, nicht-binär… Alles das Gleiche?

In den Medien trifft man in letzter Zeit häufiger auf dieses Thema. Mal wird von einer Frau gesprochen, die gerne ein Mann sein möchte. Mal ist es ein Mann, der sich zur Frau umwandeln lässt. Ein Bericht spricht über Transmenschen, der andere von Transidenten. Politikerinnen äußern sich zum »3. Geschlecht« und wieder andere diskutieren die Notwendigkeit von Toiletten für Intersexuelle. Der amerikanische Präsident Trump will transgender aus der US Army ausschließen und die Zeitungen berichten über die Diskriminierung von Transsexuellen. Abkürzungen wie LGBT oder LGBTTIQ tauchen immer häufiger in den Schlagzeilen auf.

Und all das wird medial oft unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung verkauft. Bei genauerer Betrachtung dient diese mediale Berichterstattung aber meist weniger der Aufklärung als dem Bedienen eines gewissen Voyeurismus der Leserschaft oder der Zuschauerinnen. Begrifflichkeiten werden scheinbar wahllos verwendet und die eigentlichen Belange der »betroffenen« Menschen werden selten berücksichtigt. Nicht selten werden diese Menschen von politischen und ideologischen Gruppierungen instrumentalisiert.

In der deutschen »Community« transsexueller, transidenter, transgender und nicht-binärer Menschen herrscht aber selbst wenig Einigkeit über die richtige Begrifflichkeit. Es existieren in Deutschland mehrere Vereine, Verbände und Organisationen, die teilweise gegensätzliche Ausrichtungen haben, die die Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen und bereits bei den verwendeten Begrifflichkeiten andere Meinungen vertreten. Sie brauchen sich selbst also keine Vorwürfe darüber zu machen, in dem Sammelsurium der verwendeten Begriffe den Überblick zu verlieren. Ich möchte Ihnen nachfolgend die Begriffe und Definitionen näherbringen, wohlgemerkt, es gibt dazu durchaus andere Meinungen und Erklärungen. Es handelt sich also um meine persönliche Sichtweise, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, persönlichem Empfinden und eigener Erfahrungen.

Unter Transsexualität, Transidentität und transgender wird allgemein verstanden, wenn das, bei der Geburt zugewiesene Geschlecht einer Person nicht mit dem Wissen über das eigene Geschlecht übereinstimmt. Oft werden die Begriffe unter dem Sammelbegriff »trans« oder »trans« sub-summiert. Es wird in diesem Zusammenhang auch gerne vom Abweichen der Geschlechtsidentität eines Menschen von seinem biologischen Geschlecht gesprochen. Ich möchte hier auf Beiträge von mir im Blog „Geschlechtliche Selbstbestimmung für ALLE Menschen! Jetzt!“ verweisen.

Kritik am Begriff Geschlechtsidentität

Der Mythos vom biologischen Geschlecht

Lena Balk, 2020

Viele transsexuelle Menschen lehnen für sich die Bezeichnung Transidentität bzw. transident zu sein oder auch die amerikanische Bezeichnung transgender ab. Andere wiederum möchte nicht als transsexuell bezeichnet werden. Die Unterscheidung der Begrifflichkeiten ist aus verschiedenen Gründen angebracht und wichtig.

Es gibt unter geschlechtsvarianten Menschen nicht wenige, die den Begriff der Transsexualität (bzw. Transsexualismus) bzw. Intersexualität für sich selbst ablehnen, obwohl sie sich eindeutig einem der binären Geschlechter »Mann« oder »Frau« zuordnen. Eine häufig genannte Begründung dafür ist, dass der Begriff »Sexualität« suggeriert, es handle sich, ähnlich wie bei Homo- oder Bisexualität um die gelebte Sexualität, eine sexuelle Orientierung, sexuelle Praktiken oder um die Ausübung von Sexualität. Der Begriff setzt sich jedoch zusammen aus den lateinischen Wörtern für »hinüber« oder »jenseits« (trans) und »Geschlecht« (Sexus). Vereinfacht gesagt, der Geschlechtskörper des Menschen steht dem Wissen über sein eigenes Geschlecht gegenüber. Transsexualität ist also keine sexuelle Orientierung.

In der deutschen Sprache existieren bisher keine Wörter, um das körperliche oder auch biologische Geschlecht und das sog. soziale Geschlecht (definiert durch gesellschaftliche Geschlechterrollen) eines Menschen zu unterscheiden. Man könnte annehmen oder behaupten, dass es dafür auch keine Notwendigkeit gibt. Das ist aber ein anderes Thema, das den Rahmen dieser Webseite sprengen würde. Im Deutschen ist also Geschlecht einfach Geschlecht. Egal ob körperliches, biologisches, soziales oder welches Geschlecht auch immer. Im Englischen existiert für das körperliche (anatomi-sches/biologisches) Geschlecht der Begriff »sex« und für das soziale Geschlecht das Wort »gender«. Aus Ermangelung eigener Wörter haben wir deshalb in Deutschland »gender« – für das soziale Geschlecht – als Anglizismus in unsere Sprache übernommen. Die Unterscheidung und das Verständnis von »sex« und »gender« ist für das weitere Verständnis der Thematik grundsätzlich von Bedeutung.

International werden die Begriffe transsexuell, transident oder transgender in der Regel unter dem Begriff »transgender« oder »trans« zusammengefasst. Ich halte es jedoch für unbedingt notwendig, die Phänomene »Transsexualität« bzw. »Transsexus« und »Transidentität« bzw. »transgender« gleichberechtigt zu beschreiben, da sich die Blickwinkel und Bedürfnisse der jeweiligen Phänomene stark unterscheiden. Die Frage, ob sich ein Mensch mehr über seine körperliche Ebene (»transsexueller Mensch«) oder über die soziale bzw. gesellschaftliche oder identitäre Ebene (»transidenter Mensch« oder »transgender«) erklärt, muss jeder Mensch für sich selbst beantworten.

Beide Aspekte wirken gleichzeitig auf den Menschen ein. »trans« (lateinisch: auf der anderen Seite, hinüber, gegenüber) bedeutet, dass das nach der Geburt aufgrund der Betrachtung der eindeutigen Genitalien zugewiesene Geschlecht und das tatsächliche Geschlecht auf »zwei verschiedenen Seiten« liegen. Die Erkenntnis »Transsexus« bzw. »transsexuell« oder »Transgender« bzw. »transident« zu sein kann sich schon im frühen Kindesalter manifestieren oder Ergebnis eines langen Prozesses bis ins hohe Erwachsenenalter sein.

Transgender bzw. transidente Personen sind vielfach Menschen, welche das ihnen bei der Geburt zugewiesen Geschlecht und die »klassischen«, gesellschaftlich damit verbundenen, heteronormativen Geschlechterrollen ablehnen. Für sie stehen medizinische Maßnahmen wie Hormontherapie oder geschlechtsanpassende Operationen in vielen Fällen primär zur Angleichung an ihre gelebte Geschlechterrolle (soziales Geschlecht, gender) bzw. »Geschlechtsidentität« an.

Es gibt auch die Variante der »nicht-binären« (non binary) Personen. Sie verorten sich selbst zwischen den Geschlechtern »Mann« und »Frau« und finden die gesellschaftlich definierten binären Geschlechterrollen ganz oder teilweise für sich selbst nicht passend.

Menschen mit transsexuellem Hintergrund lehnen eine binäre Einordung der Geschlechter in »Mann« und »Frau« meist nicht grundsätzlich ab. Sie sehen sich selbst als Menschen, deren anatomische Geschlechtsmerkmale von ihrer »Gehirngeschlechtsidentität« (Haupt, 2011) abweichen, sie also in einem »nicht-passenden Körper« geboren wurden. Medial wird auch von einem »falschen Körper« gesprochen. Für viele transsexuelle Menschen ist diese Aussage nicht richtig, denn der Körper als Ganzes ist nicht falsch (oder wird abgelehnt), sondern nur die Geschlechtsmerkmale sind nicht stimmig. Transsexuelle Personen verorten sich selbst meist eindeutig als »Mann« oder »Frau« und streben eine Angleichung ihres Körpers – besser, der Geschlechtsmerkmale – an ihr Geschlechtsbewusstsein bzw. Geschlechtswissen an.

Das soziale Geschlecht (»gender«) und die gesellschaftliche Geschlechterrolle ergibt sich dann automatisch durch die neue, und damit richtige Wahrnehmung des Geschlechtskörpers der Person durch das Umfeld. Es liegt deshalb nahe, die Phänomene »Transsexualität« und »Transgender/Transidentität« in ihrer weiteren sozialen, medizinischen und wissenschaftlichen Betrachtung zu differenzieren.

Eines haben sowohl transsexuelle, transidente, transgender und nicht-binäre Menschen gemeinsam: Ihr Geschlecht entspricht nicht der gesellschaftlich etablierten Definition von Geschlecht (Penis=Mann/Vagina und Brüste=Frau). Wichtig ist mir dabei klarzustellen, dass dieses „Abweichen“ von der „Norm“ nicht ein Problem der Menschen ist, sondern ein Problem der starren und falschen Normendefinition. Ich bezeichne deshalb diese Personengruppe als geschlechtsvariant oder als Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung. Die gesonderte Begrifflichkeit (transsexuell, transident, transgender, nicht-binär) verwende ich dann, wenn eine Aussage nicht pauschal für die gesamte Gruppe geschlechtsvarianter Menschen angewandt werden kann.