Was Sie über Transsexualität wissen sollten…

Wie viele sind es denn?

Die meisten Menschen glauben, dass geschlechtsvariante Menschen extrem selten sind. Es wird gerne von sogenannten »Kleinstminderheiten« gesprochen. In der »ZEIT Online« wurde im Leserartikel-Blog am 20.07.2009 – ist schon ein paar Jahre her, aber noch immer aktuell – ein Artikel unter dem Titel »Transsexualität – für Journalisten ein Tabu?« veröffentlicht. Hieraus möchte ich wie folgt zitieren:

»Diese Behauptung (Anmerkung: Transsexualität ist extrem selten) wird gerne mit Zahlen untermauert, die sich streng an erfolgten Operationen orientieren und noch zu einer Zeit erhoben wurden, als kaum Menschen zu dieser Operation Zugang finden konnten. Tatsächlich zeigt eine realistische Berechnung für die Anzahl der Menschen, die eine entsprechende, Genital angleichende, Operation hatten, für die USA einen kaum gehörten Wert von 1:2500 – die tatsächliche Anzahl Betroffener dürfte aber etwa um das 5-fache höher liegen, da für viele Betroffene aus verschiedenen Gründen die Angleichung nicht möglich ist. Die Anzahl Betroffener Personen liegt also deutlich über der z.B. von Multipler Sklerose Betroffener. Während aber für MS Betroffene eine solide Forschungsbasis und medizinische Infrastruktur bereitsteht, wollen sich am TS Thema kaum Menschen „die Hände schmutzig machen“ – weil da wieder die oben genannten gesellschaftlichen Weltbilder in Frage gestellt werden.«

ZEIT ONLINE, http://community.zeit.de/user/bad-hair-days/beitrag/2009/07/20/transsexualit%c3%a4t-f%c3%bcr-journalisten-ein-tabu, Abruf 04.01.2015, Rechtschreibfehler im Originalbeitrag wurden von mir berichtigt

Dass es sich bei dem Personenkreis der „Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“ keineswegs um eine „Kleinstminderheit“ handelt, zeigen mittlerweile zahlreiche internationale Studien. Sie belegen, dass sich weit mehr Menschen transsexuell, transident, transgender, nicht-binär oder intersexuell bezeichnen, als allgemein vermutet wird.

Genaue Zahlen existieren für Deutschland jedoch nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) benennen in Veröffentlichungen (2017, S. 8) ein Auftreten von 1:430 bei Transsexualität. Diese Zahlen decken sich weitestgehend mit internationalen Studien (Olyslager und Conway 2002; Veale 2008; Collin et al. 2016). In eigenen Untersuchungen hat die Autorin verschiedene nationale und internationale Forschungsarbeiten ausgewertet. Eine Unterscheidung zwischen Transsexualität, Transidentität, transgender und Nicht-Binarität wird in den meisten internationalen Studien nicht gemacht.

Viele Prävalenzstudien orientieren sich ausschließlich an Personen, die Hormontherapie und/oder genitalangleichende Operationen wünschen bzw. durchgeführt haben. Andere Studien ermitteln die Prävalenz anhand der Anfragen nach ärztlicher und/oder therapeutischer Unterstützung. Die Studie von Osburg/Weitze (1993) ermittelte beispielsweise die Prävalenz anhand der durchgeführten Verfahren zur Änderung des Personenstands und Vornamens. Die Ergebnisse von Studien unterliegen auch den Einflüssen, in welchem Land diese durchgeführt wurden. Unterschiedliche kulturelle, politische und rechtliche Faktoren und letztendlich auch der „Zeitgeist“ beeinflussen die Ergebnisse. Eine valide und evidente Vergleichbarkeit der bestehenden Prävalenzstudien ist damit nicht gegeben.

Die Autorin hat, neben den von Collin et al. (2016) untersuchten Studien weitere nationale und internationale Veröffentlichungen und die von Meyer zu Hoberge (2009) ausgewerteten Studien hinzugezogen. Eine eindeutige Prävalenz lässt sich aus dieser Untersuchung nicht ableiten, da die Studien teilweise abweichende Definitionen bzw. Datenbasen der untersuchten Personengruppen verwenden. Bei zahlreichen älteren Studien (Hoenig und Kenna 1974; Pauly 1974; Tsoi 1988; Eklund et al. 1988; Bakker et al. 1993; Okabe et al. 2008) wurde die zu untersuchende Personengruppe aus eigenen Patient*innen rekrutiert. Andere wieder führten Befragungen von behandelnden Ärzten durch oder sie untersuchten durchgeführte Verfahren zur Änderung des Personenstands bzw. Vornamens (Walinder 1968; Ross et al. 1981; Wilson et al. 1999; de Cuypere et al. 2007; Wålinder 1971; Sörensen und Hertoft 1980; Osburg und Weitze 1993; Landén et al. 1996; Olson und Möller 2003; Veale 2008).

Erst in den späten 1990er und 2000er Jahre wurden erstmals auch die Selbstaussagen der „betroffenen“ Personen berücksichtigt.

Aus diesen Untersuchungen lässt sich ableiten, dass etwa 0,7 % bis 1,5 % der Bevölkerung sich selbst als transsexuell, transident, transgender oder nicht-binär bezeichnen.

Für Deutschland ergäbe sich somit ein Bevölkerungsanteil von etwa 580.000 bis 1,25 Millionen Menschen.

Tritt Transsexualität heute öfter auf?

Betrachtet man die Medienberichte, könnte der Eindruck entstehen, dass Transsexualität heute vermehrt auftritt. Das Phänomen Transsexualität ist keine Modeerscheinung und kein Trend.
Transsexualität gab es zu jeder Zeit und in allen Kulturen. In der Vergangenheit waren transsexuelle Menschen in Deutschland noch stärker von gesellschaftlichen Stigmatisierungen und Verfolgung betroffen, als heute. In vielen Ländern wird Transsexualität auch heute noch rechtlich verfolgt oder betroffenen Menschen droht die Todesstrafe. Dass heute vermeintlich mehr Menschen sich zu ihrer Transsexualität bekennen liegt in erster Linie in der Öffnung und dem Wertewandel unserer Gesellschaft.