Was Sie über Transsexualität wissen sollten…

Warum brauchen transsexuelle Menschen medizinische Unterstützung?

Wenn geschlechtsvariante Menschen immer wieder sagen, sie wären nicht krank oder gestört, warum gibt es dann ein medizinisches Verfahren bzw. warum werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen? Nun, man könnte mit einer Gegenfrage antworten: Schwangere Frauen sind auch nicht krank oder gestört, dennoch übernimmt das Gesundheitssystem nahezu alle Kosten.

Der Grund für Leistungen der Krankenkassen und Versicherungen ist, dass sowohl eine Schwangerschaft als auch Transsexualität aus medizinischer Sicht sogenannte behandlungswürdige bzw. -bedürftige Zustände darstellen.

Vielleicht haben Sie selbst oder im Beruf Erfahrungen mit »Burn-out« gemacht. Auch das ist offiziell keine Krankheit, sondern ein Oberbegriff für verschiedene Arten persönlicher Krisen, meist ausgelöst durch Überlastung und Stress im Beruf. Burn-out gilt ebenso als ein behandlungsbedürftiger Zustand, ist selbst aber keine Krankheit.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert eine internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD ). Krankheiten und eben besagte Zustände, die im ICD aufgenommen werden, gelten als behandlungswürdig und führen, nach ärztlicher Diagnose letztlich zur Zahlungspflicht der Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen. Die medizinischen und operativen Eingriffe (z.B. genitalangleichende Operationen, Bartentfernung etc.) sind keine, wie vielfach angenommen wird, »Schönheitsoperationen«. Sie sind in der Regel ärztlich indiziert und somit medizinisch notwendig.

Bereits 1994 hat das Oberlandesgericht Köln (5 U 80/93 vom 11.04.19942) festgestellt, dass

„Die Behandlungsbedürftigkeit einer Transsexualität in ihrer individuellen Ausprägung entzieht
sich jedem Vergleich mit anderweitigen kosmetischen Operationen oder sonstigen hormonellen
oder psychischen Störungen in der Ausprägung der Geschlechtsidentität eines Menschen…“

Oberlandesgericht Köln – 5 U 80/93 vom 11.04.19942

Das Arbeitsrechtslexikon der AOK (Rechtsdatenbank, Stand 18.04.20203, „Transsexuelle“, Abs. 6.9) gibt auch an, dass eine geschlechtsangleichende Operation transsexueller Menschen keine kosmetische Operation, sondern eine medizinisch notwendige Operation darstellt (krankheitswerter Zustand) und deshalb auch eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung zu erfolgen hat.

„Übt Transsexualismus über lange Jahre Leidensdruck aus, mit der Folge physischer und psychischer
Beschwerden, die sogar in einem körperlichen Zusammenbruch münden, hat dieser
Transsexualismus Krankheitswert. Dann ist es medizinisch vertretbar, eine operative Behandlung
für medizinisch indiziert zu halten – vor allem dann, wenn eine einjährige Psychotherapie
keinen Erfolg brachte. In diesem Fall hat die Krankenkasse des Versicherten für die Kosten der
operativen Geschlechtsumwandlung aufzukommen.“

AOK Rechtsdatenbank (Abruf: 19.10.2020)

Somit ist meine geschlechtsangleichende Operation (und der Klinikaufenthalt) medizinisch indiziert
und die daraus resultierende, temporäre Arbeitsunfähigkeit ist krankheitsbedingt.